Nach Innen gedacht
12 Indikative zum Wirkungspotenzial der Innenarchitektur. Ein Ausstellungsprojekt von Prof. Axel Müller-Schöll
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Zwölf Indikative, die auf alltägliche Handlungen verweisen, bilden den roten Faden durch die Präsentation und entfalten ein Plädoyer für das Wirkungspotenzial der Innenarchitektur. Gezeigt werden Projektarbeiten von Studierenden, die in den zurückliegenden 30 Jahren im Rahmen von Semesteraufgaben entstanden sind. Die vielfältigen Positionen reichen von präzisen räumlichen Setzungen bis zu fallstudienähnlichen Vorträgen und spiegeln den Wandel der Disziplin ebenso wie der Medien – vom Zeichnen über das Bild als Referenz bis hin zum bewegten Bild.
Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle würdigt damit Axel Müller-Schöll, der seit 1994 als Professor für Innenarchitektur/Ausbaukonstruktion lehrt und die Hochschule als Dekan des Fachbereichs Design von 2002 bis 2006 sowie als Rektor von 2010 bis 2014 prägte. Mit dieser Ausstellung verabschiedet er sich aus dem aktiven Lehrkörper. Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet.
Zwölf Indikative, die alltägliche Handlungen reflektieren, bilden den roten Faden der Präsentation. Deren Wirkungspotenzial werden in folgenden Ausstellungbeiträgen vorgestellt:
Re-Interpretieren
Das Tiny-Prinzip im denkmalgeschützten Bestand
Tiny-4-6enerations [anders denken/nutzen/wohnen]
Le Becherine ist eine Reihenhausanlage aus neun Kleinsthäusern, die im 18. Jahrhundert für Tagelöhner errichtet wurden. Der solide Baubestand bot sich als Fallstudie an, den Typus der Kleinstwohnung neu zu interpretieren. Als Inspiration wurde das Tiny-House-Prinzip gewählt. Gefordert war, in einem der beiden zur Disposition stehenden Kleinsthäuser zeitgemäßen Wohnraum zu schaffen. Nicht völlig anonym, sondern für eine oder zwei Personen aus einem der zuvor definierten sechs Lebensabschnitte. Gleichwohl hatten sie auch dem denkmalgeschützten Gebäude gerecht zu werden: einem Steinhaus, zweistöckig, mit charakteristischem toskanischem Dach.
Nachhaltig-Ansetzen
Pop-up-Store-Concept –nachhaltig und ortlos
Mit wenig oder dem, was da ist
Zu entwerfen war ein Pop-up-Store-Konzept, gefertigt aus einem Material, das ausgedient hat oder nach der neuen Funktion wieder seine ursprüngliche Aufgabe übernehmen sollte. Auf der Exkursion nach Florenz und Fiesole wurden dafür Analogien gesucht und in der toskanischen Küche auch gefunden: sie genießt als cucina povera in Italien einen ausgezeichneten Ruf: einfache Zutaten, möglichst aus dem eigenen Garten, sorgfältig und schonend verarbeitet. Dazu entstanden Zwei-Minuten-Clips zu den beobachteten Analogien und vom Nachkochen des dünnen, unbebilderten Kochbuchs der toskanischen Küche (Con Pocco o Nulla, mit wenig oder nichts). Gut trainiert in diesem Medium produzierten die Studierenden am Ende des Projekts jeweils Trailer zu ihren Konzeptansätzen.
Verinnerlichen
Bauen für die Gegenwart in traditionsreicher und denkmalsensibler Umgebung
La casa contemporanea
Die Casa Serena in Fiesole, Exkursionsrefugium im Frühjahr 2021, folgt einem für die Toskana typischen städtischen Bautypus, wie er seit dem 16. Jahrhundert in unveränderter Form immer wieder gebaut wird. Ein ebensolches Gebäude mit dem identischen Volumen sollte auf dem Nachbargrundstück der Casa als Neubau geplant werden. Aufgabe war es, dafür eine Nutzung zu entwickeln, die der stark vom Tourismus geprägten Ortschaft einen zeitgemäßen Impuls verleiht. Ziel war es, die Zusammengehörigkeit der dort seit Generationen lebenden, ortsverbundenen Bürgerschaft zu stärken und mögliche Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.
Transformieren
Umnutzen einer profanierten Kirche in ein Quartierzentrum
7 Baulose — Stephanus Quartier
Die Erneuerung (=Re-Novierung) bestehender Gebäude, ihre energetische und technische Ertüchtigung sowie die Anpassung an neue Nutzungen zählen zu den großen Herausforderungen der Gegenwart. Die Stephanuskirche in Halle (Saale) wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, 1965 profaniert und anschließend als Bücherdepot genutzt. Dafür erhielt der Kirchenraum einen viergeschossigen Stahlbau. Nach Aufgabe des Depots im Jahr 2000 blieb eine neugotische Gebäudehülle mit rund 17.000 Laufmetern Stahlregalen zurück. Im Projekt wurde das Gesamtvolumen in sieben Baulose gegliedert und unter den Studierenden aufgeteilt. Ausgangspunkt war die Frage, mit welchen gezielten Angeboten auf die Bedürfnisse des Stadtviertels reagiert und welche neuen Nutzungen für den besonderen Ort entwickelt werden könnten.
Blickwinkel-ändern
Gesucht: Eine Kombination von Hotel und Kunstmuseum
smArt Hotel
Je größer ein Museum, desto kürzer ist häufig die Verweildauer vor dem einzelnen Kunstwerk, oft eher in Sekunden als in Minuten gemessen. Statt intensiver Betrachtung entsteht nicht selten ein Gefühl visueller Überforderung. Auf der anderen Seite bemühen sich Hotels zunehmend darum, ihren Gästen über attraktive Gastronomie- und Wellnessangebote hinaus inspirierende und abwechslungsreiche Erlebnisse zu bieten. An diese Beobachtung knüpfte das Semesterprojekt an und stellte die hypothetische Frage, wie sich ein Hotel mit einem Kunstmuseum verbinden ließe, ohne dass eines dem anderen lediglich als Kulisse dient. Als Referenz diente das 2013 von Lederer Ragnarsdóttir Oei errichtete Kunstmuseum Ravensburg, das sich sensibel in die Altstadt einfügt und durch seine besonderen Raumqualitäten geprägt ist.
Reparieren
Win-Win-Situationen durch das zeitweilige Einnisten von Repair–Cafés als eine Form nachhaltigen Bürgerservices
Repair-Café
Die Möglichkeit zur Reparatur gilt als ein wesentliches Merkmal nachhaltiger Produkte. Aus diesem Bewusstsein heraus entstand die Bewegung der Repair-Cafés, deren Betrieb vielfach durch den Nachlass engagierter Mäzen*innen unterstützt wird. Dabei gilt: Die Reparierenden arbeiten ehrenamtlich, während die Kundschaft auf Gewährleistungsansprüche verzichtet. Allerdings sind kommunale Räume für solche Angebote nur begrenzt verfügbar. Das Projekt fragte daher, ob Repair-Cafés nicht auch an ungewöhnlichen Orten denkbar wären. Entwickelt werden sollte ein Konzept für einen flexiblen, temporären Typus des Repair-Cafés, der neue Synergien schafft und konkrete Möglichkeiten der Umsetzung aufzeigt.
Erinnern
Ein Rückblick der anderen Art auf die zurückliegenden 20 Jahre im Innenarchitektur-Geschehen.
„von innen raus“
Im Jahr 2010 feierte die BURG mit einer Ausstellung im ehemaligen DDR-Einrichtungshaus intecta das 20-jährige Bestehen des Studiengangs Innenarchitektur. Das zentral in Halle (Saale) gelegene Gebäude wurde 1901 nach dem Vorbild amerikanischer Department Stores errichtet. In Form raumgreifender Installationen wurden die vergangenen zwei Jahrzehnte des Studiengangs in acht Zeitslots reflektiert und die jeweiligen gestalterischen Anliegen der einzelnen Phasen verdichtet dargestellt. Bespielt wurden sämtliche 2.000 Quadratmeter Programmfläche des Gebäudes – unter Verwendung von rund 5.000 laufenden Metern gehobelter Dachlatten.
Re-Komponieren
Ein dreiteiliges IKEA-Set wird in Einzelteile zerlegt und neu zusammengefügt
Operation Liden
Ende des Jahres 2006 wurden in der Südsee havarierte Überseecontainer an Land gespült. Nach internationalem Seerecht gilt solches Strandgut als herrenlos und fällt den Finder*innen zu – die die Container in diesem Fall umgehend über eBay zum Verkauf anboten. Nahezu zeitgleich trat IKEA Leipzig mit der Idee eines gemeinsamen Projekts an die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle heran. Ausgehend davon wurden die Studierenden mit einer fiktiven Situation konfrontiert: An die Küste einer Südseeinsel gespülte Container enthalten Kartons des IKEA-Programms LIDEN, eines dreiteiligen Sets massiver Holzmöbel. Da auf der Insel Bauholz kaum verfügbar ist, beginnen die dort gestrandeten Designer*innen, aus den vorhandenen Materialien neue Möbel zu entwerfen und zu bauen.
Gesten-Verräumlichen
Eine gebaute Visitenkarte – um in guter Erinnerung zu bleiben
with compliments
Wie kann man als Entwerfender auf einem Mega-Event wie der Internationalen Kölner Möbelmesse, einem der zentralen Treffpunkte der Innenarchitekturbranche, Aufmerksamkeit bekommen und vor allem in Erinnerung bleiben? Mit Unterstützung eines renommierten Teppichherstellers wurde 2004 dem ermüdeten Messegast eine Liegewiese aus flauschigen Velours angeboten. Dort konnten Besucher*innen entspannt einem Seminar folgen und eine großformatige, lebendige Präsentation erleben, deren unterschiedliche Informationsebenen sich mithilfe verschiedenfarbiger Filterbrillen erschlossen. Die beteiligten Studierenden schlüpften in die Rolle der Gastgeber*innen und knüpften ein Netzwerk, das bis heute fortwirkt.
Partizipation ermöglichen
Ein disziplinübergreifendes Kooperationsprojekt
Möbel, die noch nicht ganz fertig sind – Progetti quais finiti (Prêt-à-Finir)
Der Mensch besitzt den Wunsch, selbst zu gestalten. Wie lässt sich diese Beobachtung auf Möbel übertragen? Dieser Frage gingen bereits 1998 acht Studierende der BURG zusammen mit je vier jungen Schreiner*innen der Deutschen Werkstätten Hellerau und des Progetto Lissone (Mailand) nach. 25 Jahre später wurde die Fragestellung erneut aufgegriffen. Zu entwerfen war einerseits ein Objekt, das die Erwerbenden zum Mitgestalten einlädt und andererseits eine Art Gebrauchsanleitung, die den Nutzenden in ihrem Gestaltungsprozess unterstützt und inspiriert. Ziel war es, eine hohe Identifikation mit dem Objekt zu erzeugen – so dass man bewusster und nachhaltiger damit umgeht und es eher repariert, anstatt es wegzuwerfen.
Strategien-Verknüpfen
Wenn einen das 11 Uhr Hunger-Loch mitten in der Stadt überfällt
Schnell was essen in der Stadt (1997/2026)
Bereits vor 30 Jahren beschäftigten sich angehende Innenarchitekt*innen mit dem sogenannten „11-Uhr-Hungerloch“ und entwickelten dazu ein ebenso durchdachtes wie passgenaues Angebot, von der Speisenauswahl über die Marketingstrategie bis hin zum passenden räumlichen Konzept. 2026 wurde die Fragestellung erneut aufgegriffen, nicht zuletzt, weil sich Essgewohnheiten und Ansprüche deutlich verändert haben: Ernährung erfolgt heute bewusster, zunehmend vegetarisch und unter Berücksichtigung individueller Unverträglichkeiten. Wie lässt sich eine derart differenzierte Nachfrage bedienen? Und wie könnte ein zeitgemäßes Konzept aussehen, das sinnvolle und zugleich schmackhafte Angebote schafft? Entwickelt werden sollte ein Modell für das Umfeld des Reileck-Quartiers, das sich überzeugend im Stadtraum vermittelt. Die Konzeptidee wurde abschließend in Form eines Videoclips visualisiert.
Intervenieren-von-unten
Vom Löffel bis zur Stadt
Das Doppelte und mehr / Tandem
Städte werden gemeinhin von Urbanist*innen sowie von Architekt*innen geplant und gebaut. Doch bei genauerem Hinsehen prägen vielfach Designer*innen und Innenarchitekt*innen das Bild des urbanen Raums: durch Stadtmöblierung, Schaufenstergestaltungen, Leitsysteme oder die Kleidung der Menschen. Diese Elemente entstehen meist nicht aus übergeordneten Planungen, sondern aus zahlreichen Einzelinitiativen – also eher „von unten“ heraus. Dieser Fragestellung widmete sich 1996 der Deutsche Beitrag zur XIX. Triennale di Milano, einer internationalen Ausstellung mit nahezu 30 Länderbeiträgen. Das Projekt Tandem entstand in Kooperation der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle mit der École Nationale des Beaux-Arts de Lyon. Beide Gruppen besuchten sich gegenseitig, diskutierten ihre Eindrücke und entwickelten aus den Beobachtungen am jeweils fremden Ort konkrete Gestaltungsvorschläge für die eigene Stadt.
Weniger lesen01.07.2026 bis 19.07.2026
Führungen durch die Ausstellung mit Prof. Axel Müller-Schöll am Mittwoch, 8. Juli und 15. Juli, jeweils 14 Uhr